Diverse Verse

 
     
 

Hier drei Gedichte zum Kennenlernen - drei von rund einhundertfünfunddreißig aus meinen Buch „Vorsicht: Gedichte!“ Verse aus acht Jahrzehnten.

(Die Beispiele werden von Zeit zu Zeit ausgetauscht.

Schauen Sie doch mal wieder rein!)

 

Vorsicht: Gedichte

sind Seelengesichte

und dunkle Berichte

aus sehr visionären

durchgeistigten Sphären!

 

So kunstvoll Gereimtes

und lyrisch Geleimtes

und metrisch Ge-time-tes

in Jamben, Trochäen -

ist das zu verstehen?

 

Und dann die Gefühle!

Statt Herzenskühle

ein wildes Gewühle

im Innern zu spüren -

wohin kann das führen?

 

Doch erst die Gedanken!

Die sprengen ja Schranken

und bringen ins Wanken

- fast Zeile für Zeile -

die Vorurteile!

 

Vielleicht wird Gewagtes

(noch niemals Gesagtes,

auch lang schon Beklagtes)

dich heftig umschwirren -

vielleicht auch verwirren . . . 

 

Doch freilich, Gedichte

sind ja bei Lichte

noch Leichtgewichte,

verglichen mit Dramen

und dicken Romanen!

 

Ja, wortgewaltig

und mannigfaltig

und vielgestaltig

weist grade die Dichtung

dem Menschen die Richtung!

 

Doch stimmt auch: Gewitztes,

hübsch Überspitztes,

Humor-Durchblitztes

ist äußerst vergnüglich

und liest sich vorzüglich.

 

Auch Hör-Genüsse

sind solche Ergüsse

und Musenküsse.

Und grade das Hören,

kann Herzen betören!

 

Drum Vorsicht: Gedichte

verursachen Süchte!

Anstatt dass man flüchte,

verlangt man nach mehr,

nach mehr, immer mehr …

- Bittesehr!





 

Der liebe Gott in der Buchhandlung

 

Die Buchläden wachsen schneller und schneller.

Sie werben: „Die Auswahl ist unsere Stärke.“

Die Welt wird gescheiter, der Geist leuchtet heller:

Pro Jahr gibt es viel’ tausend neue Werke.

 

In zwölf Etagen, wo Menschengewimmel

an pralle Regale voll Weisheit brandet,

geschah’s, dass neulich der Herrgott vom Himmel

per Glaslift mitten im Laden gelandet.

 

Er trug in der Hand eine Plastiktüte

und sah ein bisschen aus wie ein Penner.

Doch steckten im Beutel - nebst himmlischer Güte -

ein Mini-Kopierer, ein Laptop, ein Scanner!

 

Im Wunder-Laptop war eingespeist

die Summe all der göttlichen Wahrheit.

Nun wollt er mal sehn, was der menschliche Geist

davon erfasst hat mit Klugheit und Klarheit.

 

Ich sah ihn durch die Regale schleichen

- Geschichte, Kunst, Naturwissenschaft -

und unsre Weisheit mit seiner vergleichen.

Er speicherte alles, gewissenhaft.

 

Da leerten sich plötzlich die Bücherwände!

Vor IHM hatt‘ das meiste keinen Bestand.

Ich sah, dass bei „Religion“ sich am Ende

von Allah bis Zion kein Buch mehr befand.

  

Grad wollt ich Gott fragen, warum er dies täte,

warum er den menschlichen Geist so beschäme,

das menschliche Forschen mit Füßen träte,

selbst Philosophie begösse mit Häme.

 

Da war er verschwunden. Ich blickte benommen.

Was treibt Phantasie doch manchmal für Blüten!

Nein, heut kann der Herrgott wohl nicht mehr kommen mit seinen gefüllten Wundertüten.

 

Er weiß, dass - nach hunderttausenden Jahren

voll Irrtum und Unsinn - das nicht mehr geht.

Wir überlebten es nicht, zu erfahren,

dass alles ganz anders ist. Schade, zu spät.

 

Statt uns zu besuchen, schwelgt ER in Sternen.

vergrößert den Kosmos, den Raum und die Zeit.

Und wird sich immer noch mehr entfernen

von uns, seiner Schöpfung. - Er ist schon sehr weit.

 

 

 

Das Leben - ein Traum

 

Die Träume sind Schäume,

so sagt der Verstand.

Das Leben - ein Traum,

so sagt es der Dichter.

 

Vergiss diesen Tand,

so lästert der Morgen.

Nein, öffne die Seele,

so flüstert die Nacht.

 

Im nächtlichen Raum

sind all deine Sorgen

sehr kunstvoll verborgen

als grelle Gesichter.

 

Das Leben - ein Traum,

so sagt es der Dichter.

 

                  Träume sind lächerlich,

                  spricht die Logik.

                  Träume erschrecken mich,

                  ruft das Herz.

                  Nur Illusionen sind’s,

                  sagt das Hirn.

                  Wollen die Seele verwirrn,

                  meint die Psyche.

 

Sind Träume wohl wahr,

nur Märchen, nur Schein,

im Seelenraum gar

nur irrende Lichter?

 

Das Leben - ein Traum,

so sagt es der Dichter.

 

 

 

Was es alles gibt

 

Es gibt so viele Lehrer, die schlecht lehren,

so viele Schornsteinfeger, die schlecht kehren,

es gibt so viele Richter, die schlecht richten,

und – ach – so viele Dichter, die schlecht dichten.

 

Es gibt so viele Maler, die schlecht malen,

so viele Ehemänner, die schlecht zahlen,

es gibt so viele Denker, die falsch denken,

so viele Autolenker, die falsch lenken.

 

Es gibt so viele Uhren, die falsch gehen,

so viele Brillenträger, die falsch sehen,

es gibt so viele Pillen, die nichts nützen

und Ärzte, die uns nicht davor beschützen.

 

          Doch gibt es auch so manches, das steht fest,

         was sich die Schulweisheit nicht träumen lässt:

 

So gibt es Lehrer, die mit Liebe lehren,

und Schornsteinfeger, die mit Inbrunst kehren,

und Richter, die gerecht und menschlich richten,

und ein paar Dichter, die passabel dichten.

 

Auch gibt es Maler, die talentvoll malen,

und Männer, die für ihre Sünden zahlen.

Sogar gibt’s Denker, weise wie die Alten,

und Lenker, die an Zebrastreifen halten!

   

Es gibt auch Uhren, die stets richtig gehen,

Bebrillte, die die Welt ganz richtig sehen,

und manchmal nützen Ärzte, Medizinen

nicht nur den Pharmariesen, sondern – Ihnen!

 

         Kurzum: Es könnt’ (dies präge man sich ein)

         zwar besser, aber auch noch schlimmer sein.

 

 

 

Halt - klicken Sie doch nicht gleich weiter! Wie fanden Sie die drei Kostproben? Welche gefiel Ihnen am besten, welche am wenigsten? Ihr Eindruck ist mir sehr wichtig! Bitte schreiben Sie mir doch ein paar Zeilen in mein Gästebuch. Danke!