Tops & Flops

 
     
 

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Top-Empfehlung

 

HKK — ein bewunderter Mensch

Ich kenne kaum jemanden, der so einhellig bewundert wird wie HKK. Der Mann ist Jahrgang 1938, allerdings nach eigener Einschätzung ‚gefühlte’ fünfzig Jahre jung! Und er ist seit über fünf Jahrzehnten der Weltliteratur, der Kulturgeschichte und der so genannten ernsten Musik verfallen. Seit über fünf Jahrzehnten? Kein Scherz, kein Druckfehler! Schon als Junge stürmte er in die Opernhäuser, belagerte er die Schauspielbühnen, las er Bücher, die andere, wenn überhaupt, erst kurz vorm Abitur in die Hand nehmen. Woher diese Hingabe? Ich vermute, dass er sie seinem Elternhaus zu danken hat sowie Anregern und Förderern, die früh erkannten, dass die großen Werke in diesem jungen Kopf gut aufgehoben sind.

Seine Passion für das Gute und Schöne hielt HKK nicht ab, ein völlig artfremdes Studium zu absolvieren: Naturwissenschaft und Mathematik! Dann stand er dreißig Jahre lang im Dienste des Elektronik-Konzerns IBM, von der Leitung eines Rechenzentrums bis zur Europa-Zentrale.

Doch wo blieb das Kulturelle? Es war trotz der beachtlichen Karriere stets der rote Faden seines Lebens. Er ist — ganz nebenher — tief in die Menschheitsgeschichte eingedrungen, von den mythologischen Anfängen bis zur Gegenwart; er hat unzählige Theater- und Opernaufführungen, Konzerte, Festivals und Literatur-Kongresse besucht. Seine Plattensammlung und seine Bibliothek dürften umfassend und erlesen sein — von seiner unermüdlichen Erkundung kultureller Stätten in zig Ländern aus allen Epochen ganz zu schweigen!

So ein Wunder an Wissen kann es kaum geben? Es kommt noch besser: HKK ist auch ein Wunder an Können. Um seine Leidenschaft für Kultur mit anderen zu teilen, wählte er ziemlich früh den Vorruhestand. Und seitdem hält er Vorträge, führt Seminare durch, lädt zu Reisen ein und veröffentlicht Bücher über das, was er so liebt. Er tut all dies in überschaubarem, geradezu bescheidenem Rahmen. Selten sitzen mehr als fünfzig Zuhörer vor ihm. Doch es sind ausnahmslos treue Anhänger, und zwar im Wortsinn: Sie hängen an seinen Lippen, wenn er ihnen Shakespeares Komödien, Königsdramen, Tragödien interpretiert — mit äußerst erhellenden Exkursen in die Mythologie, in die Welt der Oper, moderner Dramen oder der Theatergeschichte; sie haben ein Aha-Erlebnis nach dem anderen, wenn er Dantes ‚Göttliche Komödie’ oder Ovids ‚Metamorphosen’ deutet — nicht ohne bissige Seitenhiebe auf jüngste Geschichte und Gegenwart. Ein paar Dutzend Dreißig- bis Neunzigjährige (!) harren stundenlang auf unbequemen Stühlen aus, um endlich doch noch tief einzudringen in die Werke der Weltliteratur (zum Beispiel von Tolstoi und Puschkin oder von Schiller und Goethe), die man ihnen in der Schulzeit so erfolgreich vermiest hat!

Wenn HKK aus der ‚Ilias’ oder der ‚Odyssee’ zitiert, dabei die verblüffendsten Parallelen und Querverbindungen zu den Tragödien der Alten Griechen oder den Dramen des Absurden Theaters herstellt, fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Und dann erklärt dieser Auto-Didaktiker ganz schnell auch noch die Original-Versmaße im Altgriechischen, singt oder tanzt dazu Passagen aus Musikwerken verwandten Inhalts — kurz, man fühlt sich am Ende weit eher unterhalten als belehrt. Nach einem derartigen Event gibt es nur eine Stimme: Ach, hätten unsere Schüler und Studenten doch solche Lehrmeister!

Nichts ist unmöglich: HHK stellt auch vor Neun- bis Zwölfjährigen — und zwar in der Kinder-Uni der Volkshochschule — sein Wissen vor! Ein aufregendes Erlebnis ist das, und die Neugier der aufgeweckten Zuhörer kann man fast nicht befriedigen.

Vorträge und Seminare von HKK kann man in München und der weiteren Umgebung sowie neuerdings auch im Raum Berlin live erleben. Seine Bücher sind überall erhältlich, und auch zu seinen Studienreisen kann sich jeder anmelden.

Das Wort ‚Studienreisen’ gibt aber nur bedingt wieder, was die Teilnehmer erwartet. Dies sind keine Ausruh-Reisen. Hier wird Erlebnis verdichtet und Dichtung zum Erlebnis! Anlässlich einer knappen Woche in Venedig besucht man tagesfüllend nicht nur die einschlägigen Kirchen und Museen sowie die malerischen vorgelagerten Inseln, sondern HKK referiert abends im Hotel bzw. vor einem berühmten Gemälde bzw. in einer pittoresken Einheimischen-Kneipe am Rialto über Thomas Manns ‚Tod in Venedig`, über Rilkes ‚Tempelgang Mariens’, über Shakespeares ‚Kaufmann von Venedig’, und danach geht man noch rasch in ein Kirchenkonzert mit Vivaldis ‚Vier Jahreszeiten’. Bei seiner besonders beliebten Ägyptenreise erteilt er der kleinen Gruppe am Rande einen Einführungskurs in die Hieroglyphen-Schrift. Und seine 'Shakespeare-Gemeinde’, die jährlich wächst, begleitet er zu den Aufführungen der Royal Shakespeare Company nach London und nach Stratford upon Avon, der Geburtsstadt des Unsterblichen.

Für einen der größten und schwierigsten Romane der Weltliteratur, den ‚Ulysses’ von James Joyce, hat HKK nicht weniger als zweitausend Stunden Studienzeit investiert; am Stück wären das rund acht Monate! Die tausend Seiten dieses Jahrhundertbuches spielen an einem einzigen Tag in Dublin. Und wo erlebt man, an genau diesem Tag des Jahres, dem Bloomsday, die brillante Auslegung des Werkes? Natürlich in Dublin. Mit wem? Natürlich mit HKK.

Ein bewunderter Mensch. Ein bewundernswerter Geist.

www.hk-koelsch.de

PS: Eines allerdings kann HKK angeblich nicht — seinen Videorekorder  programmieren.

 

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Flop Message

 

Ich sah eine Aufführung des Stücks ‚Nathan der Weise’, die über weite Strecken auf dem Jerusalemer Flughafen Ben Gurion spielte. Auf dem Plakat und im Programmheft stand ‚von G. E. Lessing’.

Ich las über eine Macbeth-Produktion, die überwiegend in einem voll automatisierten Schlachthaus stattfand; das Schlachthaus war die Bühne. Aufgeführt wurde angeblich ‚Macbeth’ von Shakespeare.

Es sei zunächst dahingestellt, ob die Flughafen-Idee und der Schlachthof-Einfall gut waren. Keinesfalls waren sie vom genannten Autor.

Man erzählte mir von einer Hamlet-Version, bei der nur rund dreißig Prozent des Textes aus dem Original waren; der Rest stammte vom Dramaturgen/Übersetzer/Regisseur. Natürlich war als Autor William Shakespeare genannt, ohne jeden Zusatz.

In keinem der Fälle kam mir allerdings zu Ohren, dass die Veränderungen das Original bereichert oder gar verbessert hätten (Lessing oder Shakespeare verbessern??). Es waren Launen, Profilierungs-Gags der Ausführenden. Sie geschahen übrigens nicht in kleinen Experimentier-Theatern, sondern auf renommierten subventionierten Bühnen.

Ich meine, dies ist ein falscher Kurs unter falscher Flagge. Und die weit verbreitete Praxis wirft mehrere Fragen auf:

Ist es begrüßenswert, klassische Stücke zu aktualisieren, zu modernisieren, in ein anderes Milieu zu versetzen? Mein Antwort: Ja oder nein. Ich meine nicht ‚jein’. Es kommt darauf an, ob die Veränderung mit dem Original im Einklang steht, es nicht verfälscht, missdeutet, banalisiert. Zugegeben: Ich habe schon sehr gelungene Varianten/Versionen erlebt, ja sogar selbst einige versucht (siehe ‚Starke Stücke’). Doch keine solcher Abwandlungen sollte unter dem Autorennamen des Originals segeln, sondern als neue Fassung (‚frei nach …’) gekennzeichnet sein.

Die zweite Frage: Ist es nicht eigentlich schade, dass man kaum noch die klassischen Originale erleben kann? Muss man wirklich tolerieren, dass jeder Regisseur, der etwas auf sich hält, sein eigener Mit-Autor sein will? Geht es da nur um Tantiemen oder eher um Selbstüberhebung?

Ein Vorschlag: Man reise nach Stratfort upon Avon, nordwestlich von London, der Geburtsstadt Shakespeares, in der er auch beerdigt ist. Dort zeigt die berühmte Royal Shakespeare Company jedes Jahr rund ein Dutzend Stücke des Meisters, vor zwei Jahren sogar alle seine achtunddreißig Bühnenwerke — in zwölf Monaten! Sämtliche Aufführungen sind werktreu. Der Text gilt als heilig. Unvermeidliche Kürzungen besonders langer Stücke erfolgen mit höchsten Respekt. Spielt die RSC also seit Jahrzehnten immer dasselbe? Natürlich nicht! Wenn innerhalb weniger Jahre zum Beispiel mehrfach Shakespeares ‚Sturm’ neu inszeniert wird, erlebt man jedes Mal eine sehr andere, sehr deutungsstarke Gestaltung. Doch jede der Auffassungen steht in vollem Einklang mit dem Werk Shakespeares — von der sensationellen Qualität der Darstellungskunst gar nicht zu reden!

Das war die gute Nachricht in dieser Flop-Message. Doch ist es nicht eine Schande, dass man, um den in Deutschland meistgespielten Autor, William Shakespeare, authentisch zu erleben, bis nach Mittelengland reisen muss?

Die letzte Frage: Warum applaudiert das zahlende Publikum (und nicht selten auch die angeblich fachkundige Kritik) bei uns auch den übelsten Verhunzungen, die sich noch dazu mit fremden Federn schmücken, nämlich mit erlauchten Autorennamen? Anstatt das Eintrittsgeld zurückzufordern beziehungsweise die Absetzung des Intendanten zu verlangen? Auch eine Schmerzensgeld-Klage wäre zu erwägen — wegen seelischer Grausamkeit.       

PS: Soeben bekam ich eine Rezension in die Hände: 'Faust II' in Weimar. Weithin bekannter Regisseur. Zwei Rollen seien allerdings eleminiert: Faust und Mephisto. Den Autor hat das Deutsche Nationalthater hingegen nicht gestrichen. Das Ganze sei von Johann Wolfgang Goethe.